Bio-Produkte – Streitpunkt, Heilsbringer oder Mogelpackung? Die mediale Aufarbeitung eines Phänomens

Christina Kirchhof | 06. März. 2014 | Keine Kommentare
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Klar, seit dem Bio kein Nischenprodukt mehr und im Mainstream großer Supermarktketten angekommen ist, steht es auch im medialen Interesse. Zu Recht, denn es stellt sich schon die Frage, ob eine Idee, die auf Prinzipien der Nachhaltigkeit, ökologisch sinnvollem wirtschaften und artgerechter Tierhaltung aufgebaut ist, dem Druck von Massenproduktion und Preiskampf standhalten kann. Bio-Erdbeeren im Winter? Durch unsere globalisierte, vernetzte Welt ist das möglich. Hat das noch irgendwas mit Bio zu tun, abseits davon, dass es ein EU-Siegel trägt? Nein. Dies zu kritisieren ist folgerichtig und nötig. Denn es stellt den Verbraucher und seine Gewohnheiten zur Disposition. Viele Artikel zu dem Thema sind jedoch oft oberflächlich recherchiert und treiben mich regelmäßig in den Wahnsinn, da sie wichtige Gesichtspunkte auslassen und verzerren oder falsch darstellen. Ein Beispiel vom 3.März aus der Süddeutschen Zeitung: „Bio- Die drei heiligen Buchstaben“. Die Autorin setzt sich in ihrem Artikel mit den Erwartungen von Konsumenten an Bio-Produkte auseinander, die zweifelhaft oder schlichtweg unrealistisch sind.

Vom Grundgedanken bin ich ganz bei ihr. Der Kauf von einem Bio-Produkt heißt nicht, dass man als Konsument nun alle Verantwortung abgeben kann, denn man hat ja was fürs Gewissen getan. Ihre Argumentation fußt jedoch auf Teilwahrheiten, welche die Gegebenheiten verzerren. So stellt sie drei grundlegenden Vorteile, die Bio-Produkte leisten sollen vor und überprüft diese. Dies sind die artgerechte Tierhaltung, Nachhaltigkeit bzw. Umweltschutz und die gesundheitlichen Vorteile von Bio-Produkte.

Ein Hauptargument ist, nur weil es Bio-Fleisch ist, heißt das noch lange noch nicht, dass die Tiere artgerecht gehalten werden. Nachweislich haben die Tiere nicht viel mehr Platz als bei konventionellen Bauern auch. Massentierhaltung ist auch hier die Regel und der Kraftfuttereinsatz durchaus gegeben. Darüber hinaus stehe das Tierwohl nur bei drei von sieben großen Bio-Verbänden im Mittelpunkt, wenn auch nicht sehr enthusiastisch. Eine klare Verzerrung. Tiere sind bei den genannten Verbänden ein wichtiger Bestandteil des Organismus Bauernhof, die wesensgerechte Haltung trägt essentiell zur Erhaltung des landwirtschaftlichen Kulturraums bei. Die artegerechte, hauptsächliche Fütterung mit Raufutter ist vorgeschrieben, der Bauer muss 50% des Futters selber herstellen, angestrebt sind 100%. Entgegen den Aussagen der Autorin ist auch nicht immer der Platz entscheidend, sondern die Umstände unter denen das Tier lebt. Hat es genügend Raum um sein artspezifisches Verhalten auszuleben, wie ist das Stallmanagement, wie sind die Außenanlagen,  wie viel Licht dringt in die Ställe ein etc.

Der Respekt und die Zuneigung des Bauern für seine Tiere spielen hier eine wesentlich gewichtigere Rolle für die artgerechte Haltung.

Ein weiteres Argument ist, dass Bio-Landwirtschaft nur bedingt zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Umweltschutz beiträgt, da diese Form der Landwirtschaft mehr Fläche braucht und wirklich nachhaltiges Wirtschaften nicht nachweisbar ist. Obgleich diese Aussage durchaus Wahrheitsgehalt hat, lässt sie einige wichtige Fakten aus. Dass biologische Landwirtschaft nicht Monokultur heißen kann, sollte aktuell diskutiert werden. Dennoch kann eine agro-biologische Landwirtschaft auf Dauer gesehen genauso hohe oder sogar höhere Erträge leisten, bei gleichzeitig niedrigerem Wasserverbrauch, Erosion und höherer Bodenfruchtbarkeit – wenn innovative und wissenschaftlich fundierte Anbaukonzepte mit den Bauern zusammen entwickelt werden.

Das dritte Argument, Bio-Produkte tragen zwar maßgeblich zu einer nachhaltigeren Form der Landwirtschaft bei, sind aber nicht wirklich gesünder. Wissenschaftliche Untersuchungen haben tatsächlich gezeigt, dass Gemüse und Obst aus Bio-Produktion nicht mehr oder weniger Nährstoffe enthalten wie Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft. Aber ganz ehrlich, bestehen Nahrungsmittel nur aus der Summe ihrer Nährstoffe? Was ist mit Geschmack? Frische? Rückstände von Arzneimitteln in Fleisch und Pestiziden? Ich spreche hier nicht von Bio-Produkten aus Massenproduktion (was an sich schon ein Oxymoron ist) sondern von saisonalen, regionalen Produkten? Da gibt es gravierende Unterschiede. Auch werden bei dieser Betrachtung tierische Produkte ausgeklammert. Milch von Kühen die hauptsächlich mit Raufutter gefüttert werden, hat einen wesentlich höheren Nähstoffgehalt. Fleisch von Weiderindern enthält dreimal so viele ungesättigte Fettsäuren, wie dieses von mit Kraftfutter gemästeten Artgenossen und ist dabei fettarmer.

Ich gebe der Autorin in einem Recht: Nur weil Bio drauf steht heißt es nicht gleich, dass man mit 1,99 € die Welt rettet, das fängt woanders an. Leider fehlt oft das nötige Hintergrundwissen der Journalisten, um wirklich fundierte und produktive Kritik zu äußern. Die Ausführungen kommen dann oft einer Ansammlung der größten Vorurteile gleich, die zum 50mal wiedergekäut werden. Differenzierungen zwischen verschiedenen Verbänden, Vergleich von Studien, Anbaumethoden? Fehlanzeige. Das bringt uns in der Diskussion um zukunftsorientierte und nachhaltige Landwirtschaft nicht weiter, da derartige Artikel Ressentiments weiter bestätigen oder provozieren. Wir brauchen eine öffentliche Diskussion um die Zukunft unserer Landwirtschaft und Tierhaltung und wie wir diese zukunftsfähig und nachhaltig gestalten können.

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