Die Sehnsucht nach Esskultur und die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Christina Kirchhof | 19. Februar. 2014 | Keine Kommentare
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Ich hatte ja gestern angefangen darüber zu schreiben,  dass es heute zwar eine große Sehnsucht nach Esskultur gibt, diese Sehnsucht aber im Gegensatz zu dem steht, was wirklich in unseren Küchen passiert. Die Küche und das Essen sind kein selbstverständlicher Teil mehr unseres Lebens, sondern Sehnsuchtsort und gefürchtete Todsünde zugleich. Wir fotografieren, protokollieren und regulieren alles was wir zu uns nehmen. Einen rein genussvollen Bezug zu Lebensmitteln gibt es kaum noch.

Das Bedürfnis diesen fehlenden Bezug mit einer Überbetonung des kulinarischen Erlebnisses zu ersetzten, treibt manchmal merkwürdige Blüten. In einigen Toprestaurants sind Köche zum Beispiel dazu übergegangen, ihren Gästen zu verbieten, dass Essen zu fotografieren. Sie können gerne twittern, facebooken, instagrammen – doch bitte erst nach dem Essen. Dominique Gauthier, seinerseits französischer Spitzenkoch, wundert sich sowieso, warum Menschen ihr Essen fotografieren: “Sich zum Essen hinzusetzen, soll ein genussvoller Moment sein, den der Gast mit uns teilt und nicht mit einem sozialen Netzwerk.” Zudem wird ja das Essen kalt, wenn der Gast mehrere Anläufe braucht, um das perfekte Foto zu machen. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass Gäste auf Stühle geklettert sind, um den richtigen Bildausschnitt zu bekommen. „ Früher haben sie noch ihre Familie fotografiert, heute wird das Essen fotografiert.“ Es mag befremdend klingen, aber es ist die Realität unserer heutigen Esskultur. Essen ist nicht mehr freudiger Anlass, um mit anderen Menschen zusammen zu kommen und zu genießen, sondern eine inszenierte Perfektionierung des individuellen Lebensstils.

Wirklicher Genuss und die Rückbesinnung auf einen natürlichen Lebensrhythmus, ist die Idee hinter Slowfood, einer Gegenbewegung zur industrialisierten Lebensmittelherstellung und der immer fortschreitenden Erosion von Esskultur. 1986 von dem italienischen Journalisten und Soziologen Carlo Petrini gegründet und ursprünglich als ein Verein für die Erhaltung der Esskultur in der norditalienischen Kleinstadt Bra gedacht,  fand die Idee weltweit schnell neue Anhänger. Leidenschaft für gutes Essen und einen moderaten Lebensstil war ein Thema, dass auf fruchtbaren Boden fiel. Mit der Industrialisierung und Technologisierung der Lebensmittelherstellung Ende des letzten Jahrhunderts, wuchs das kulturelle Vakuum um Essen und Essenskultur immer mehr. Slowfood stellte mit seinen vernetzten Konzepten von Qualität, Sauberkeit und Fairness ein Gegenentwurf zum schneller-höher-weiter Mantra der modernen Gesellschaft dar. (Fortsetzung folgt)

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